Finanzen

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Notgroschen: Warum Sicherheit wichtiger ist als Rendite

Notgroschen: Warum Sicherheit wichtiger ist als Rendite

Notgroschen: Warum Sicherheit wichtiger ist als Rendite

Das langweiligste Geld kann das nützlichste sein

Ein Notgroschen sieht neben einem langfristigen Depot wenig spektakulär aus. Er liegt auf dem Konto, schwankt kaum und bringt meist weniger Rendite als Geld, das über viele Jahre investiert werden kann. Genau darin liegt aber seine Aufgabe: Er soll verfügbar sein, wenn etwas Ungeplantes passiert.

Im Artikel Drei Säulen der Geldanlage: So bekommt dein Geld eine Aufgabe habe ich Geld nach seinem Zweck getrennt: Notgroschen für Unerwartetes, Rücklagen für planbare Ausgaben und langfristigen Vermögensaufbau. Für diesen Artikel reicht die Grundidee: Geld muss nicht überall dasselbe leisten.

Zwei Bücher haben meinen Blick auf den Notgroschen geprägt. Albert Warnecke beschreibt in Der Finanzwesir 2.0 die Reserve als praktischen Sicherheitsbaustein, der langfristige Geldanlage vor ungeplanten Zugriffen schützt. Morgan Housel betont in Über die Psychologie des Geldes die Bedeutung einer finanziellen Sicherheitsmarge: Ein Plan sollte auch dann funktionieren, wenn nicht alles nach Plan läuft.

Eine solche Reserve kann eine Autoreparatur von 1.500 oder 2.000 Euro auffangen, eine größere Tierarztrechnung oder mehrere Geräte, die innerhalb kurzer Zeit ersetzt werden müssen. Der Vorteil besteht nicht darin, dass diese Dinge dadurch billiger werden. Ich muss wegen ihnen nur nicht sofort einen Kredit aufnehmen oder langfristige Anlagen verkaufen.

Warum Rendite hier die falsche Messlatte ist

Langfristig investiertes Geld und ein Notgroschen haben unterschiedliche Aufgaben. Bei einem Aktien-ETF nehme ich Kursschwankungen in Kauf, weil das Geld möglichst viele Jahre Zeit hat. Beim Notgroschen wäre genau diese Schwankung störend: Ich weiß nicht, wann ich ihn brauche.

Das lässt sich auch mit dem magischen Dreieck der Geldanlage erklären: Rendite, Sicherheit und Liquidität lassen sich nicht gleichzeitig maximieren. Beim Notgroschen stehen Sicherheit und schnelle Verfügbarkeit im Vordergrund. Dafür akzeptiere ich bewusst, dass dieses Geld langfristig meist weniger Rendite bringt als etwa ein Aktien-ETF. (1)

Man kann die Reserve deshalb wie eine finanzielle Brandmauer betrachten. Sie verhindert nicht, dass etwas Unangenehmes passiert. Sie soll verhindern, dass aus einer einzelnen ungeplanten Ausgabe weitere Probleme entstehen – etwa ein teurer Kredit oder der Verkauf eines Investments genau dann, wenn dessen Kurs gerade deutlich gefallen ist.

Wie hoch sollte ein Notgroschen sein?

Das österreichische Finanzbildungsportal Finanznavi nennt als Orientierung eine Reserve von drei bis sechs Netto-Monatseinkommen, betont aber, dass die passende Höhe von der persönlichen Situation abhängt. (2)

Für einen ersten Überschlag ist das hilfreich. Als persönliche Berechnung finde ich Einkommen allein aber zu grob. Entscheidend ist, welche laufenden Kosten und ungeplanten Ausgaben tatsächlich abgefedert werden müssen und welche anderen Sicherheitsnetze vorhanden sind.

Hilfreich sind deshalb vor allem diese Fragen:

  • Wie hoch sind meine notwendigen monatlichen Ausgaben?

  • Wie sicher und planbar ist mein Einkommen?

  • Gibt es ein zweites Einkommen im Haushalt?

  • Welche größeren ungeplanten Kosten sind realistisch – etwa durch Auto, Haustiere oder Eigentum?

  • Welche Risiken sind bereits sinnvoll versichert?

  • Welche anderen schnell verfügbaren Reserven oder verlässlichen Sicherheitsnetze bestehen?

So wird aus einer pauschalen Monatsregel eine Reserve, die zur eigenen Situation passt. Sie muss nicht jeden denkbaren Schaden abdecken. Sie sollte die finanziellen Störungen auffangen können, die im eigenen Alltag plausibel sind.

Drei Haushalte, drei unterschiedliche Reserven

Warum eine feste Zahl schwierig ist, wird an drei vereinfachten Beispielen deutlich:

Situation

Was für die Reserve wichtig wird

Zwei sichere Einkommen, Mietwohnung, kein Auto

Ein Einkommensausfall trifft nicht sofort den ganzen Haushalt; größere Einzelrisiken sind überschaubar. Eine eher kleinere Reserve kann bereits viel Stabilität schaffen.

Ein Einkommen, Mietwohnung, Auto und Haustiere

Reparaturen, Tierarztkosten und eine Einkommenslücke können dieselbe Reserve belasten. Mehr frei verfügbares Geld kann sinnvoll sein.

Schwankendes Einkommen, Eigentum, mehrere Personen im Haushalt

Einnahmen und mögliche Einzelkosten sind weniger planbar. Eine größere Reserve kann deshalb zur Struktur des Haushalts passen.

Die Beispiele sind keine Empfehlung für bestimmte Beträge. Sie zeigen nur, welche Faktoren die Höhe verändern können. Zwei Menschen mit gleichem Einkommen müssen deshalb nicht denselben Notgroschen haben.

Wo der Notgroschen liegen kann

Für den Kern der Reserve zählt vor allem, dass das Geld zuverlässig und kurzfristig erreichbar ist. Ein kleiner Puffer auf dem Girokonto kann Zahlungen abfangen, die sofort fällig werden. Der größere Teil kann auf einem Tagesgeldkonto liegen. Bei der Auswahl sind nicht nur Zinsen relevant, sondern auch Bedingungen, Gebühren und wie der Transfer auf das Girokonto funktioniert.

Bei Festgeld vereinbarst du dagegen eine bestimmte Laufzeit. Während dieser Zeit ist das Geld in der Regel nicht frei verfügbar. Für Geld, auf das du jederzeit zugreifen können möchtest, erfüllt es deshalb eine andere Aufgabe als Tagesgeld.

Auch Inflation gehört zur Einordnung. Sie bedeutet, dass das allgemeine Preisniveau steigt und derselbe Geldbetrag mit der Zeit weniger kaufen kann. Ein niedrig verzinster Notgroschen kann deshalb real an Kaufkraft verlieren. (3) Das ist ein echter Nachteil – aber kein Grund, die Reserve deshalb in eine Anlage zu verschieben, deren Wert gerade im falschen Moment stark schwanken kann.

Bei Bankguthaben kommt zusätzlich die Einlagensicherung ins Spiel. In Österreich sind Einlagen grundsätzlich bis 100.000 Euro pro Einleger und Bank abgesichert; dazu zählen unter anderem Guthaben auf Giro-, Spar- und Festgeldkonten. Für bestimmte vorübergehend hohe Guthaben gelten Sonderregeln. (4)

Was kein Notfall ist

Eine Reserve wird schnell unnötig groß, wenn jede unregelmäßige Ausgabe darin landet. Urlaub, Versicherungsprämien, neue Reifen, eine geplante Weiterbildung oder eine absehbare Anschaffung sind keine Notfälle. Ihr genauer Betrag kann unsicher sein, ihr Auftreten ist aber grundsätzlich planbar.

Für solche Ausgaben sind eigene Rücklagen sinnvoll. Das muss nicht zwingend ein eigenes Konto für jeden Zweck bedeuten. Wichtig ist die gedankliche Trennung: Geld für den nächsten Urlaub steht nicht gleichzeitig vollständig für eine kaputte Waschmaschine zur Verfügung.

Damit bleibt der Notgroschen das, was er sein soll: eine Reserve für Ausgaben oder Einkommenslücken, deren Zeitpunkt du heute nicht sinnvoll einplanen kannst.

Notgroschen und Freiheitsreserve sind nicht dasselbe

Neben dem klassischen Notgroschen gibt es für mich noch eine zweite Art von Liquidität: Geld, das nicht nur Probleme abfedert, sondern bewusst Optionen schafft.

Eine größere liquide Reserve kann beispielsweise einen Jobwechsel erleichtern, eine vorübergehende Arbeitszeitreduktion ermöglichen oder eine berufliche Übergangsphase überbrücken. Hier reagiert man nicht zwingend auf einen Notfall. Man nutzt Geld, um eine eigene Entscheidung treffen zu können, ohne dass sofort finanzieller Druck entsteht.

Ich würde diesen Teil deshalb eher als Freiheitsreserve bezeichnen. Der Notgroschen schützt vor ungeplanten Störungen. Die Freiheitsreserve finanziert zusätzlichen Handlungsspielraum.

Beides kann praktisch auf demselben Konto liegen. Für die eigene Planung hilft es trotzdem, die beiden Beträge gedanklich zu trennen. Sonst wächst der „Notgroschen“ irgendwann zu einer großen Cashposition, ohne dass noch klar ist, welchen Zweck das Geld eigentlich erfüllt.

Eine einfache Methode für deine eigene Reserve

Statt mit einer festen Monatszahl zu beginnen, kannst du deinen Notgroschen von deiner Situation aus aufbauen:

  1. Notiere größere plausible Notfälle. Welche unerwartete Rechnung könnte kurzfristig entstehen und ließe sich kaum verschieben?

  2. Berechne deine notwendigen Monatskosten. Was müsste bei einem vorübergehenden Einkommensausfall tatsächlich weiterbezahlt werden?

  3. Prüfe Einkommen und Sicherheitsnetze. Wie stabil ist dein Einkommen, gibt es weitere Haushaltseinkommen, Versicherungen oder andere verlässliche Reserven?

  4. Lege eine Basissumme fest. Sie sollte die wichtigsten Einzelrisiken plus eine für dich sinnvolle Überbrückungszeit abdecken.

  5. Trenne zusätzlichen Handlungsspielraum. Geld für Jobwechsel, Teilzeit oder andere bewusst gewählte Optionen kannst du als eigene Freiheitsreserve behandeln.

Am Ende kann deine Zahl zufällig drei oder sechs Monatsgehältern entsprechen. Sie kann ebenso darunter oder darüber liegen. Wichtiger ist, dass du erklären kannst, wofür der Betrag da ist.

Manche Euro dürfen einfach verfügbar sein

Ein Notgroschen ist kein Gegenentwurf zum Investieren. Er kann vielmehr dabei helfen, langfristig investiertes Geld auch dann langfristig liegen zu lassen, wenn im Alltag etwas schiefläuft.

Seine Qualität zeigt sich deshalb nicht daran, ob er mit dem Aktienmarkt mithält. Sie zeigt sich in dem Moment, in dem eine unerwartete Rechnung kommt und daraus keine Kette weiterer finanzieller Entscheidungen unter Zeitdruck entsteht.

Nicht jeder Euro muss dieselbe Aufgabe haben. Manche dürfen Rendite suchen. Manche finanzieren absehbare Wünsche. Und manche dürfen schlicht dafür sorgen, dass du im falschen Moment nicht handeln musst.

Quellen

(1) Wiener Börse: Das magische Dreieck der Vermögensanlage.

Zum magischen Dreieck

(2) Finanznavi: Sparziele setzen und erreichen.

Zu finanzieller Reserve, Tagesgeld und Sparzielen

(3) Oesterreichische Nationalbank (OeNB): Inflation.

Zur Erklärung von Inflation und Kaufkraft

(4) Finanzmarktaufsicht Österreich (FMA): Einlagensicherung.

Zur österreichischen Einlagensicherung

Weitere Hintergrundquellen

Albert Warnecke (2019): Der Finanzwesir 2.0 – Was Sie über Vermögensaufbau wirklich wissen müssen. Intelligent Geld anlegen und finanzielle Freiheit erlangen mit ETF und Index-Fonds.

Zur offiziellen Buchseite des Autors

Morgan Housel (2021): Über die Psychologie des Geldes. Zeitlose Lektionen über Reichtum, Gier und Glück. FinanzBuch Verlag.

Zur offiziellen Buchseite des Verlags

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