Finanzen
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Geld sparen ohne konkretes Ziel
Ein Ziel, das man nicht kaufen kann
Ich habe lange gespart, ohne genau zu wissen, wofür. Kein Haus, kein bestimmtes Auto, keine Zahl, bei der plötzlich alles anders werden sollte. Gleichzeitig habe ich erlebt, wie es sich anfühlt, wenn Geld knapp ist und viele Entscheidungen dadurch automatisch enger werden. Vielleicht ist mir deshalb heute umso bewusster, was Rücklagen verändern können – auch dann, wenn man sie gar nicht ausgibt.
Denn Sparen wirkt vor allem dann ziellos, wenn man nur in Käufen denkt. Wer für ein Auto spart, kann sein Ziel sehen. Wer für eine Reise spart, kann einen Preis daranschreiben. Schwieriger wird es bei Dingen wie Ruhe, Zeit oder der Möglichkeit, eine schlechte Situation verlassen zu können. Sie stehen auf keiner Rechnung, können aber trotzdem einen sehr konkreten Wert haben.
Konsum ist sichtbar, Optionen sind es nicht
Morgan Housel beschreibt in The Psychology of Money einen Gedanken, den ich lange unterschätzt habe: Ein großer Teil von Wohlstand ist unsichtbar. Man sieht das Auto, die Wohnung oder die Uhr, die jemand gekauft hat. Man sieht aber nicht das Geld, das jemand bewusst nicht ausgegeben hat – und damit auch nicht die Möglichkeiten, die daraus entstehen.
Genau deshalb kann Sparen ohne konkretes Ziel sinnvoll sein. Eine Rücklage muss nicht zwingend auf einen späteren Kauf warten. Sie kann schon heute etwas verändern: Eine unerwartete Rechnung wird weniger bedrohlich. Ein Arbeitsplatz fühlt sich weniger alternativlos an. Eine berufliche Veränderung darf auch einmal mit weniger Einkommen verbunden sein. Und wer eine Zeit lang kürzertreten möchte, muss nicht jede Entscheidung sofort an der nächsten Gehaltsabrechnung ausrichten.
Das heißt nicht, dass Geld automatisch frei macht. Aber fehlendes Geld kann Möglichkeiten sehr wirksam begrenzen. Für mich liegt darin ein entscheidender Unterschied.
Warum finanzielle Sicherheit mehr als eine Zahl sein kann
Auch die Forschung zu finanziellem Wohlbefinden passt zu dieser Sichtweise. Netemeyer und Kollegen unterscheiden zwischen dem Stress, den die aktuelle Geldsituation verursacht, und dem Gefühl finanzieller Sicherheit für die Zukunft. In ihren Untersuchungen hing dieses wahrgenommene finanzielle Wohlbefinden deutlich mit dem allgemeinen Wohlbefinden zusammen – auch über objektive Finanzkennzahlen hinaus. Das bedeutet nicht, dass ein höherer Kontostand automatisch glücklicher macht. Es zeigt eher, dass die subjektive Erfahrung von Sicherheit und Belastung eine eigene Rolle spielt. (1)
Dazu passt ein breiterer psychologischer Befund: In der Selbstbestimmungstheorie gilt Autonomie – also das Erleben, das eigene Handeln mitbestimmen zu können – neben Kompetenz und sozialer Verbundenheit als ein grundlegendes psychologisches Bedürfnis, das mit Wohlbefinden zusammenhängt. (2) Geld ist selbstverständlich keine Autonomie. Aber finanzielle Reserven können in manchen Situationen äußere Zwänge verringern und dadurch Handlungsspielraum schaffen.
Für mich ist genau das der interessante Punkt. Finanzielle Freiheit beginnt nicht erst dort, wo Arbeit völlig optional wird. Sie kann viel früher anfangen: bei der Möglichkeit, Nein zu sagen, ohne dass sofort die Existenz daran hängt.
Sparen kann trotzdem zu eng werden
Es wäre aber genauso falsch, daraus einen Tugendwettbewerb zu machen. Wer jede Ausgabe als Verlust empfindet, ständig auf eine größere Zahl wartet oder das eigentliche Leben auf später verschiebt, gewinnt vielleicht finanziellen Spielraum und verliert gleichzeitig etwas anderes.
In der Philosophie der Shaolin wird zwischen einem Glück unterschieden, das an äußere Bedingungen geknüpft ist, und einer Form von Zufriedenheit, die nicht ständig vom nächsten Ziel, Erfolg oder Besitz abhängt. Das Problem der ersten Variante: Sobald eine Bedingung erfüllt ist, kann schon die nächste entstehen. Zufriedenheit verschiebt sich damit leicht immer weiter nach vorne.
Beim Sparen kann etwas Ähnliches passieren. Aus einer Reserve, die eigentlich Sicherheit schaffen sollte, wird dann eine Zahl, die nie groß genug ist. Morgan Housel beschreibt ein ähnliches Problem aus finanzieller Perspektive: Ohne eine persönliche Vorstellung von „genug“ lässt sich jedes erreichte Niveau noch einmal überbieten.
Deshalb gefällt mir die Vorstellung von Sparen als Freiheit nur dann, wenn sie auch Freiheit beim Ausgeben einschließt.
Ich fahre ein älteres, günstiges Auto und wohne ganz normal zur Miete – nicht weil ich mir grundsätzlich nichts anderes leisten könnte, sondern weil mir beides reicht. Gleichzeitig gebe ich gerne Geld für einen guten Urlaub, hochwertige Lebensmittel oder Dinge aus, die ich wirklich nutze. Der Maßstab ist für mich nicht, möglichst wenig auszugeben. Entscheidend ist eher, ob eine Ausgabe mein Leben tatsächlich besser macht.
Drei Aufgaben für Geld statt eines einzigen Sparziels
Praktisch hilft mir eine einfache Trennung. Nicht jedes gesparte Geld muss dieselbe Aufgabe erfüllen.
Die erste Aufgabe ist Liquidität. Geld für Unvorhergesehenes sollte verfügbar sein, wenn es gebraucht wird. Auch die österreichische Finanzmarktaufsicht empfiehlt vor einer Geldanlage zu prüfen, welche laufenden Kosten bestehen und wie viel für unvorhersehbare Ausgaben verfügbar bleiben muss. (3) Wie groß diese Reserve sein sollte, lässt sich nicht sinnvoll für jeden Menschen gleich festlegen. Ein sicherer Arbeitsplatz, hohe Fixkosten, ein altes Auto oder Menschen, für die man finanziell mitverantwortlich ist, verändern die passende Größe.
Für Bankguthaben gilt in Österreich grundsätzlich eine gesetzliche Einlagensicherung bis 100.000 Euro pro Einleger und Bank; in bestimmten Sonderfällen gelten höhere Grenzen. (4) Eine Liquiditätsreserve hat damit vor allem eine Aufgabe: erreichbar und verlässlich zu sein. Ihre Rendite ist nicht der einzige Maßstab.
Die zweite Aufgabe ist langfristiger Vermögensaufbau. Geld, das auf absehbare Zeit nicht benötigt wird, kann eine andere Funktion haben. Hier werden Anlagehorizont, Schwankungsrisiko und Kaufkrafterhalt wichtiger. Denn auch vermeintlich sicheres Geld hat ein Risiko: Ein Eurobetrag auf dem Konto kann nominal gleich bleiben und trotzdem real an Wert verlieren, wenn die Preise steigen. Die Oesterreichische Nationalbank zeigte das besonders deutlich für die Hochinflationsphase 2022 und 2023, in der das Finanzvermögen österreichischer Haushalte unter Berücksichtigung der Inflation real erheblich an Wert verlor. (5)
Das macht die unterschiedliche Aufgabe von Geld sichtbar. Eine kurzfristige Reserve muss vor allem verfügbar und verlässlich sein. Geld, das dagegen viele Jahre nicht benötigt wird, steht vor einer anderen Frage: Wie lässt sich seine Kaufkraft langfristig möglichst erhalten oder steigern?
Albert Warnecke trennt in seinem Buch Der Finanzwesir 2.0 – Was Sie über Vermögensaufbau wirklich wissen müssen den Notgroschen entsprechend vom langfristigen Vermögensaufbau. Die liquide Reserve soll unerwartete Ausgaben abfedern und verhindern, dass man in einer ungünstigen Situation langfristige Anlagen verkaufen muss. Geld für den langfristigen Vermögensaufbau hat dagegen eine andere Aufgabe und kann entsprechend anders angelegt werden.
Für mich ist daran weniger die konkrete Aufteilung interessant als das Prinzip dahinter: Geld muss nicht überall dieselbe Aufgabe erfüllen.
Die dritte Aufgabe ist das Leben heute. Geld darf verbraucht werden. Nicht jede nicht investierte Ausgabe ist ein Fehler. Ein Urlaub, gutes Essen, ein Hobby oder ein Gegenstand, den man täglich nutzt, kann sinnvoller sein als ein etwas höherer Kontostand. Entscheidend ist nicht, ob eine Ausgabe objektiv „vernünftig“ aussieht, sondern ob sie zu den eigenen Prioritäten passt und nicht dauerhaft auf Kosten der finanziellen Stabilität geht.
Sparen ohne Ziel braucht trotzdem eine Funktion
Vielleicht ist „kein Ziel“ deshalb gar nicht die richtige Beschreibung. Man hat nur kein klassisches Konsumziel.
Statt zu fragen „Wofür spare ich eigentlich?“, helfen mir andere Fragen mehr:
Welche Entscheidungen möchte ich nicht allein aus Geldmangel treffen müssen?
Wie viel Reserve brauche ich, damit ein Problem lästig bleibt, aber nicht bedrohlich wird?
Welches Geld soll langfristig wachsen und welches muss jederzeit verfügbar sein?
Wofür gebe ich heute gerne Geld aus, weil es mein Leben spürbar verbessert?
Ab welchem Punkt würde zusätzliches Sparen kaum noch Freiheit schaffen, sondern vor allem Verzicht?
Diese Fragen liefern keine perfekte Sparquote. Genau das ist ihre Stärke. Sie machen aus einer abstrakten Zahl eine Funktion.
Was ich heute unter finanzieller Freiheit verstehe
Erst später habe ich verstanden, dass ich mit dem Sparen vor allem Möglichkeiten angesammelt habe: die Freiheit, weniger arbeiten zu können, wenn ich es möchte, einen Job nicht um jeden Preis behalten zu müssen oder mich auch für eine schlechter bezahlte Tätigkeit entscheiden zu können, wenn sie besser zu meinem Leben passt.
Entscheidend ist für mich weniger, diese Möglichkeiten tatsächlich zu nutzen. Schon das Wissen, dass sie existieren, verändert den Blick auf Entscheidungen.
Mein Erspartes ist deshalb für mich nicht einfach Geld, das irgendwann ausgegeben werden muss. Ein Teil davon erfüllt seinen Zweck bereits jetzt. Vielleicht bedeutet finanzielle Freiheit gar nicht in erster Linie, möglichst viel besitzen zu können. Vielleicht bedeutet sie vor allem, wichtige Entscheidungen nicht ausschließlich nach dem Geld treffen zu müssen.
Erspartes kann schon heute etwas leisten
Sparen ist aufgeschobener Konsum. Aber es ist nicht nur das.
Eine finanzielle Reserve kann gleichzeitig gegenwärtige Entscheidungsfreiheit sein. Sie kann Zeit kaufen, Druck reduzieren und Alternativen offenhalten, ohne dass dafür morgen gekündigt, ausgewandert oder das ganze Leben verändert werden muss.
Damit wird Sparen ohne konkretes Ziel für mich ziemlich konkret: Das Ziel sind nicht unbedingt mehr Dinge. Das Ziel ist, mehr als eine Möglichkeit zu haben.
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Quellen
(1) Netemeyer RG, Warmath D, Fernandes D, Lynch JG Jr. (2018): How Am I Doing? Perceived Financial Well-Being, Its Potential Antecedents, and Its Relation to Overall Well-Being. Journal of Consumer Research, 45(1), 68–89. DOI: 10.1093/jcr/ucx109.
Originalartikel bei Oxford Academic
(2) Ryan RM, Deci EL (2000): Self-determination theory and the facilitation of intrinsic motivation, social development, and well-being. American Psychologist, 55(1), 68–78. DOI: 10.1037/0003-066X.55.1.68.
(3) Finanzmarktaufsicht Österreich: Sie wollen Ihr Geld anlegen – das sollten Sie jedenfalls beachten!
Informationen der FMA zur Geldanlage
(4) Finanzmarktaufsicht Österreich: Einlagensicherung.
Informationen der FMA zur Einlagensicherung
(5) Oesterreichische Nationalbank (2023): Realer Vermögensverlust durch hohe Inflation. Presseaussendung vom 20. Oktober 2023.
Weitere Hintergrundquellen
Morgan Housel (2020): The Psychology of Money: Timeless Lessons on Wealth, Greed, and Happiness. Harriman House.
Offizielle Buchseite bei Harriman House
Albert Warnecke (2019): Der Finanzwesir 2.0 – Was Sie über Vermögensaufbau wirklich wissen müssen. tredition.
Offizielle Buchseite des Finanzwesirs
{ungeskriptet} by Ben (2025): Shaolin Meister: Der Westen ist krank und alle schweigen. Gespräch mit Shi Heng Yi und Shi Heng Zuan.