Mentales
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Wenn Kontrolle selbst anstrengend wird
Ich neige dazu, viele Bereiche meines Lebens zu planen und zu optimieren: Arbeit, Training, Ernährung, Finanzen, eigene Projekte. Das gibt mir Struktur und hat mich in vielen Dingen weitergebracht. Gleichzeitig merke ich zunehmend, dass Kontrolle einen Punkt erreichen kann, an dem sie selbst Energie kostet.
Beim Training ist das für mich besonders greifbar. Früher hätte sich eine verschobene oder ausgelassene Einheit schnell wie ein Rückschritt angefühlt. Heute sehe ich stärker den größeren Zeitraum. Wenn ich schlecht geschlafen habe, krank werde oder einfach weniger Energie habe, darf eine Einheit leichter sein oder ausfallen. Nicht der einzelne Tag entscheidet, sondern das, was über Monate und Jahre entsteht.
Vielleicht ist das ein brauchbares Bild für mehr als Training: Nicht jede Abweichung vom Plan ist automatisch ein Problem, das sofort gelöst werden muss.
Akzeptanz ist nicht dasselbe wie Aufgeben
In der Psychologie gibt es für einen Teil dieses Gedankens eine interessante Entsprechung. Forschung zu Akzeptanz unterscheidet zwischen einer unangenehmen Erfahrung und der zusätzlichen Reaktion darauf. Gedanken oder Gefühle können belastend sein – und noch belastender werden, wenn gleichzeitig der innere Anspruch entsteht, dass sie nicht da sein dürften.
In mehreren Studien war eine stärkere gewohnheitsmäßige Akzeptanz eigener Gedanken und Gefühle mit geringerer negativer emotionaler Reaktion auf Belastungen und mit besserer psychischer Gesundheit verbunden. Wichtig ist die Einschränkung: Untersucht wurde vor allem die Akzeptanz innerer Erfahrungen, nicht das passive Hinnehmen äußerer Situationen. (1)
Auch eine Metaanalyse zu psychologischer Inflexibilität fand einen deutlichen Zusammenhang zwischen starrem Umgang mit unangenehmen inneren Erfahrungen und geringerem Wohlbefinden. Ein großer Teil der zugrunde liegenden Daten erlaubt allerdings keine einfache Aussage über Ursache und Wirkung. (2)
Für mich steckt darin eine hilfreiche Unterscheidung: Veränderbares darf ich verändern. Unvermeidbares muss ich nicht zusätzlich bekämpfen.
Nachgeben ist nicht Nichtstun
Dieser Gedanke ist älter als die moderne Psychologie. In der daoistischen Philosophie findet sich mit wu wei die Vorstellung eines Handelns, das nicht unnötig erzwungen oder gegen die Bedingungen einer Situation gepresst wird. Auch Wasser ist im Daodejing ein wiederkehrendes Bild: Es gibt nach, verändert seine Form und kann gerade dadurch seinen Weg fortsetzen. (3)
Das ist keine wissenschaftliche Bestätigung der psychologischen Forschung, sondern eine philosophische Perspektive. Gerade deshalb gefällt mir das Bild: Nachgeben erscheint darin nicht als Schwäche oder Stillstand. Wasser verändert seine Form, wenn es auf ein Hindernis trifft, ohne deshalb aufzuhören, sich weiterzubewegen.
Warum ein Hoch irgendwann normal werden kann
Auch die Vorstellung von Hoch- und Tiefphasen beschäftigt mich. Es gibt Wochen, in denen vieles leicht läuft, und andere, in denen dieselben Dinge deutlich mehr Energie brauchen. Früher hätte ich stärker versucht, möglichst schnell wieder den vorherigen Zustand herzustellen. Heute frage ich mich öfter, ob manche Phasen einfach durchlebt werden dürfen.
Die Forschung zur hedonischen Anpassung liefert dazu eine nüchternere Perspektive als der Satz „Ohne Tief gibt es kein Hoch“. Menschen passen sich zumindest teilweise an veränderte Lebensumstände an. Was zunächst außergewöhnlich positiv oder negativ wirkt, kann mit der Zeit einen Teil seiner Besonderheit verlieren. Gleichzeitig unterscheiden sich Menschen darin, wie stark und wie vollständig diese Anpassung geschieht. (4)
Daraus folgt nicht, dass wir schlechte Zeiten brauchen, damit Glück möglich ist. Aber es erklärt, warum ein dauerhaftes Hoch nicht dauerhaft wie ein Hoch empfunden werden muss.
Auch Yin und Yang werden in der chinesischen Philosophie nicht einfach als gut und schlecht verstanden. Eher beschreiben sie miteinander verbundene, sich verändernde Tendenzen und Prozesse. (5) Als Denkbild passt das für mich besser als die Behauptung, Leid sei notwendig: Ein Leben kann aus Aktivität und Ruhe, Leichtigkeit und Anstrengung bestehen, ohne dass einer dieser Zustände für immer festgeschrieben sein muss.
Was auf unserem weißen Blatt steht
Vielleicht entsteht ein Teil unseres Widerstands nicht nur aus dem, was gerade passiert. Er entsteht auch aus unseren Vorstellungen darüber, wie das Leben eigentlich verlaufen sollte und wer wir darin sein müssten.
Dazu passt für mich das Bild eines weißen Blatts, das im Lauf des Lebens beschrieben wird. Wörtlich genommen stimmt die Vorstellung natürlich nicht: Wir kommen nicht als vollkommen unbeschriebene Wesen zur Welt. Als Metapher finde ich sie trotzdem stark.
Denn ein Teil dessen, was wir für selbstverständlich halten, entsteht im Kontakt mit anderen Menschen und sozialen Systemen. Der Psychologe Roy Baumeister beschreibt das Selbst an der Schnittstelle zwischen Individuum und sozialer Welt: Identität erhält wesentliche Inhalte durch die Teilnahme an sozialen und kulturellen Systemen. (6) Entwicklungspsychologische Forschung zeigt ebenfalls, dass Kinder Vorstellungen über sich unter anderem aus Beziehungen, Rückmeldungen, sozialen Vergleichen und kulturellen Werten entwickeln. (7)
Auf diesem Blatt können dann Sätze stehen wie: So sieht Erfolg aus. So viel sollte ich leisten. Das sollte ich besitzen. So sollte ein vernünftiges Leben verlaufen.
Nicht alles davon ist falsch. Rollen, Erwartungen und Regeln geben Orientierung. Interessant wird es dort, wo wir kaum noch bemerken, dass manche dieser Vorstellungen überhaupt einmal entstanden sind – und sie stattdessen für unveränderliche Wahrheiten über unser eigenes Leben halten.
Bei mir betrifft das auch Arbeit, Geld und Erfolg. Lange war vieles mit dem Gedanken verbunden, möglichst viel richtig zu machen, voranzukommen und Sicherheit aufzubauen. Heute beschäftigt mich stärker die Frage, wann genug erreicht ist und wofür ich Zeit, Geld und Energie eigentlich einsetzen möchte. Mehr muss nicht automatisch besser sein.
Eine Richtung haben, ohne den Weg zu erzwingen
Bei unperfekt.at begegnet mir derselbe Gedanke in kleiner Form. Ich kann schreiben, gestalten, verbessern und regelmäßig weitermachen. Ich kann aber nicht erzwingen, wie schnell Menschen die Seite entdecken oder welcher Artikel gelesen wird. Würde ich versuchen, jedes Ergebnis zu kontrollieren, würde vermutlich immer mehr Energie in die Kontrolle fließen statt in das eigentliche Projekt.
Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Gestalten und Erzwingen.
Gestalten heißt, eine Richtung zu wählen, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen. Erzwingen beginnt dort, wo nur noch der geplante Verlauf als akzeptabel erscheint und kaum noch Platz dafür bleibt, dass sich Dinge anders entwickeln.
Ich möchte deshalb nicht weniger gestalten. Ich möchte nur weniger Energie darauf verwenden, gegen jede Welle anzukämpfen. Manche kann man verändern, manche überstehen, manche nutzen. Und manche tragen einen einfach ein Stück in eine Richtung, die man vorher nicht geplant hatte.
Quellen
(1) Ford, B. Q., Lam, P., John, O. P. & Mauss, I. B. (2018): The psychological health benefits of accepting negative emotions and thoughts: Laboratory, diary, and longitudinal evidence. Journal of Personality and Social Psychology, 115(6), 1075–1092. DOI: 10.1037/pspp0000157.
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(2) Ong, C. W., Barthel, A. L. & Hofmann, S. G. (2024): The Relationship Between Psychological Inflexibility and Well-Being in Adults: A Meta-Analysis of the Acceptance and Action Questionnaire. Behavior Therapy, 55(1), 26–41. DOI: 10.1016/j.beth.2023.05.007.
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(3) Stanford Encyclopedia of Philosophy (2025): Daoism. Philosophische Einordnung von Daoismus, wu wei und der Wassermetaphorik im Daodejing.
Daoism – Stanford Encyclopedia of Philosophy
(4) Diener, E., Lucas, R. E. & Scollon, C. N. (2006): Beyond the hedonic treadmill: Revising the adaptation theory of well-being. American Psychologist, 61(4), 305–314. DOI: 10.1037/0003-066X.61.4.305.
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(5) Internet Encyclopedia of Philosophy: Yinyang (Yin-yang). Philosophiegeschichtliche Einordnung von Yin und Yang als interagierende und dynamische Prozesse.
Yinyang – Internet Encyclopedia of Philosophy
(6) Baumeister, R. F. (2011): Self and identity: A brief overview of what they are, what they do, and how they work. Annals of the New York Academy of Sciences, 1234, 48–55. DOI: 10.1111/j.1749-6632.2011.06224.x.
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(7) Brummelman, E. & Thomaes, S. (2017): How Children Construct Views of Themselves: A Social-Developmental Perspective. Child Development, 88(6), 1763–1773. DOI: 10.1111/cdev.12961.
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Weitere Hintergrundquellen
{ungeskriptet} by Ben / Benjamin Berndt (2025): #211 Shaolin Meister: Der Westen ist krank und alle schweigen. Gespräch mit Shi Heng Yi und Shi Heng Zuan. YouTube, veröffentlicht am 23. Juli 2025.
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