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Nicht handeln ist auch eine Entscheidung

Warum Stillstand oft sicherer wirkt, als er ist

Eine Veränderung macht ihr Risiko meist sofort sichtbar. Wer handelt, kann scheitern, Geld verlieren oder Zeit in etwas investieren, das nicht funktioniert. Beim Abwarten fehlt dieser sichtbare Einschnitt zunächst. Alles bleibt, wie es ist.

Gerade deshalb wirkt der Status quo oft wie die sichere Variante. Doch auch wenn ich nichts verändere, läuft die Zeit weiter. Möglichkeiten verschwinden, Rahmenbedingungen ändern sich und manche Entscheidungen werden später schwieriger statt leichter.

Ein paar Entscheidungen in meinem Leben zeigen mir das rückblickend ziemlich gut. Für einen Job umzuziehen bedeutete, Vertrautes hinter mir zu lassen und nicht zu wissen, ob sich der Schritt auszahlen würde. In Kryptowährungen zu investieren brachte die Möglichkeit mit sich, Geld zu verlieren. Und unperfekt.at zu starten heißt, Gedanken öffentlich zu machen und Zeit in etwas zu investieren, dessen Entwicklung offen ist. In allen drei Fällen hätte Nichtstun bestimmte Risiken vermieden – aber ebenso Möglichkeiten ausgeschlossen.

Der Status quo bekommt einen Vorsprung

Samuelson und Zeckhauser zeigten in verschiedenen Entscheidungssituationen, dass Menschen häufig dazu neigen, beim bestehenden Zustand zu bleiben. Dieses Muster wird als Status-quo-Bias bezeichnet. (1)

Dass ein bestehender Ausgangspunkt unsere Entscheidung beeinflussen kann, zeigt sich auch bei sogenannten Defaults – also voreingestellten Optionen, die automatisch gelten, solange man sich nicht aktiv für etwas anderes entscheidet. Eine Metaanalyse zeigt, dass Menschen häufiger bei einer voreingestellten Option bleiben, als sich aktiv für eine andere zu entscheiden. Wie stark dieser Effekt ist, hängt jedoch von der jeweiligen Situation ab. (2)

Auf persönliche Lebensentscheidungen lässt sich das nicht eins zu eins übertragen. Interessant bleibt trotzdem der Grundgedanke: Was bereits da ist, muss sich oft weniger rechtfertigen als etwas Neues.

Das bedeutet nicht, dass Bleiben irrational wäre. Ein vertrauter Job kann gut sein, ein bestehender Vertrag günstig und eine unveränderte Routine genau passend. Wechsel haben reale Kosten. Der interessante Punkt ist ein anderer: Der Status quo wird nicht immer mit derselben Aufmerksamkeit geprüft wie eine Veränderung.

Bei einer neuen Möglichkeit fragen wir schnell: Was, wenn es schiefgeht? Beim Bleiben wäre die ergänzende Frage: Was passiert, wenn ich in einem Jahr noch genau hier stehe?

Damit verändert sich der Vergleich. Nicht nur die Veränderung muss sich rechtfertigen. Auch das Beibehalten des bisherigen Zustands ist eine Option mit eigenen Folgen.

Nichtstun ist nicht dasselbe wie Abwarten

Trotzdem wäre es zu einfach, jede unterlassene Handlung als Fehler zu betrachten. Zwischen Nichtstun, Aufschieben und bewusstem Abwarten gibt es einen wichtigen Unterschied.

Abwarten kann sinnvoll sein, wenn tatsächlich neue Informationen zu erwarten sind, wenn eine Entscheidung schwer umkehrbar ist oder wenn die möglichen Schäden einer vorschnellen Handlung groß sind. Manchmal ist es vernünftig, eine Situation erst zu beobachten. Auch das Festhalten am Status quo kann die beste Entscheidung für die eigene Situation sein.

Problematisch wird Warten eher dort, wo es nur deshalb attraktiv erscheint, weil die möglichen Nachteile des Handelns sichtbarer sind als die Kosten des Bleibens. Dann fühlt sich Nichtentscheiden neutral an, obwohl sich die Ausgangslage weiterentwickelt.

Eine hilfreiche Unterscheidung ist deshalb nicht „mutig handeln oder ängstlich bleiben“, sondern: Welche Folgen haben beide Wege?

Was wir später bereuen, ist weniger eindeutig als gedacht

Auch die Forschung zu Bedauern zeigt, warum diese Frage nicht ganz trivial ist. Gilovich und Medvec beschrieben ein zeitliches Muster: Misslungene Handlungen können kurzfristig stärker bedauert werden, während im längeren Rückblick eher unterlassene Möglichkeiten ins Gewicht fallen. (3)

Daraus lässt sich allerdings keine einfache Lebensregel ableiten. Spätere Untersuchungen bestätigen das ursprüngliche Muster nur teilweise und zeigen insgesamt ein deutlich gemischteres Bild. Auch wer eine Entscheidung vermeidet, schützt sich damit nicht automatisch vor späterem Bedauern. (4)(5)

Der Satz „Wenn ich nichts tue, kann ich mir später wenigstens nichts vorwerfen“ ist also keine verlässliche Regel. Genauso wenig gilt automatisch das Gegenteil: Wer handelt, bereut später weniger. Reue sagt nicht, ob eine Entscheidung gut war – sondern nur, wie wir sie später bewerten. Eine vernünftige Entscheidung kann schlecht ausgehen, eine riskante gut. Deshalb zeigt Bedauern allein nicht, welche Option tatsächlich die bessere gewesen wäre.

Das Risiko beider Seiten sichtbar machen

Für mich liegt der nützlichste Gedanke deshalb nicht darin, häufiger Risiken einzugehen. Es geht darum, dem Risiko des Bleibens dieselbe Aufmerksamkeit zu geben wie dem Risiko der Veränderung.

Eine einfache Möglichkeit dafür ist eine Entscheidungsbilanz. Dabei werden die Vor- und Nachteile einer Veränderung ebenso betrachtet wie die Vor- und Nachteile des Status quo. Diese Form des Abwägens eignet sich besonders dann, wenn keine Richtung von vornherein bevorzugt werden soll. (6)

Für eine konkrete Entscheidung reichen vier Fragen:

  • Was kann ich gewinnen, wenn ich etwas verändere?

  • Was kann ich dabei verlieren?

  • Was kann ich gewinnen, wenn ich alles so lasse oder noch warte?

  • Was kann ich dadurch verlieren?

Danach lohnt sich noch der Blick auf die Folgen: Was wäre schwer rückgängig zu machen? Und lässt sich ein großer Schritt zunächst als kleiner, korrigierbarer Versuch ausprobieren?

Die Übung soll keine Entscheidung ausrechnen. Sie macht nur sichtbar, was leicht übersehen wird: Manchmal schützt Warten, manchmal hat auch das Bleiben seinen Preis. Entscheidend ist, beide Seiten mit derselben Aufmerksamkeit zu betrachten.

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Quellen

(1) Samuelson W, Zeckhauser R (1988): Status quo bias in decision making. Journal of Risk and Uncertainty, 1, 7–59. DOI: 10.1007/BF00055564.

Springer – Status Quo Bias in Decision Making

(2) Jachimowicz JM, Duncan S, Weber EU, Johnson EJ (2019): When and why defaults influence decisions: a meta-analysis of default effects. Behavioural Public Policy, 3(2), 159–186. DOI: 10.1017/bpp.2018.43.

Cambridge University Press – Default Effects

(3) Gilovich T, Medvec VH (1994): The temporal pattern to the experience of regret. Journal of Personality and Social Psychology, 67(3), 357–365. DOI: 10.1037/0022-3514.67.3.357.

PubMed – The temporal pattern to the experience of regret

(4) Yeung SK, Feldman G (2022): Revisiting the Temporal Pattern of Regret in Action Versus Inaction: Replication of Gilovich and Medvec (1994) With Extensions Examining Responsibility. Collabra: Psychology, 8(1), 37122. DOI: 10.1525/collabra.37122.

Collabra: Psychology – Yeung & Feldman

(5) Han Q, Quadflieg S, Ludwig CJH (2023): Decision avoidance and post-decision regret: A systematic review and meta-analysis. PLOS ONE, 18(10), e0292857. DOI: 10.1371/journal.pone.0292857.

PLOS ONE – Decision avoidance and post-decision regret

(6) Miller WR, Rose GS (2015): Motivational Interviewing and Decisional Balance: Contrasting Responses to Client Ambivalence. Behavioural and Cognitive Psychotherapy, 43(2), 129–141. DOI: 10.1017/S1352465813000878.

Cambridge University Press – Motivational Interviewing and Decisional Balance

Weitere Hintergrundquellen

Oberrauner, Erich J. (2008): Risikointelligenz. Diplomarbeit, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

Alpen-Adria-Universität Klagenfurt – Risikointelligenz

Trimpop, Rüdiger: Risiko. Lexikon der Psychologie, Spektrum.

Spektrum – Risiko

Gigerenzer, Gerd (2013): Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft. C. Bertelsmann, München.

Gerd Gigerenzer – Bücher