MENTALES
8 Min. Lesezeit
Warum du trotz eines guten Lebens oft erschöpft bist
Eigentlich ist alles okay.
Der Job ist vielleicht nicht der Traumjob, aber auch keine Katastrophe. Die Beziehung funktioniert. Die Wohnung passt. Du schläfst meistens genug und bekommst deinen Alltag hin.
Und trotzdem ist am Abend kaum noch etwas übrig.
Nach der Arbeit möchtest du niemanden mehr sehen. Ein eigentlich schöner Termin fühlt sich plötzlich wie eine weitere Aufgabe an. Am Wochenende brauchst du erst einmal Zeit, um wieder bei dir anzukommen.
Irgendwann entsteht daraus ein unangenehmer Gedanke:
Ich habe doch eigentlich keinen Grund, so erschöpft zu sein.
Vielleicht liegt ein Teil des Problems darin, wie wir Belastung messen.
Wir zählen Arbeitsstunden, Termine und Aufgaben. Weniger sichtbar ist, wie viel Verarbeitung ein Tag verlangt.
Denn zwei Menschen können äußerlich fast denselben Tag erleben und dafür völlig unterschiedlich viel Energie benötigen.
Die interessantere Frage lautet deshalb manchmal nicht:
„Wie viel habe ich heute gemacht?“
Sondern:
„Wie viel musste ich heute verarbeiten?“
Wichtig ist dabei: Anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung können unterschiedliche Ursachen haben. Ungewohnt starke, häufige oder länger anhaltende Erschöpfung sollte deshalb medizinisch abgeklärt werden. (1)
Daneben lohnt sich aber ein genauerer Blick auf den Alltag.
Vielleicht misst du deine Belastung falsch
Stell dir zwei Arbeitstage vor.
An beiden arbeitest du acht Stunden.
Am ersten kannst du zwei größere Aufgaben konzentriert erledigen. Die Abläufe sind klar, es gibt wenige Unterbrechungen.
Am zweiten kommt ständig etwas dazwischen. Eine Nachricht. Ein Anruf. Eine Frage. Ein kurzfristiges Meeting. Danach zurück zur ursprünglichen Aufgabe – bis die nächste Unterbrechung kommt.
Auf dem Papier: acht Stunden.
Der innere Aufwand kann trotzdem völlig unterschiedlich sein.
Beim Wechsel zwischen Aufgaben entstehen messbare sogenannte Switch Costs: Nach einem Aufgabenwechsel reagieren Menschen im Durchschnitt langsamer und machen mehr Fehler als bei der Wiederholung derselben Aufgabe. (2)
Ein einzelner Wechsel ist kaum der Rede wert. Interessant wird die Summe.
Fünf Unterbrechungen. Drei Meetings. Hintergrundgespräche. Kleine Entscheidungen. Eine spontane Änderung.
Manche Menschen wechseln relativ mühelos zwischen solchen Anforderungen. Andere arbeiten besser, wenn sie einen Kontext erst vollständig erfassen und eine Aufgabe gründlich bearbeiten können.
Für sie kann jeder ungeplante Wechsel bedeuten, einen Gedankengang abzubrechen und später erneut aufzubauen.
Belastung lässt sich nicht vollständig in Stunden oder erledigten Aufgaben messen.
Ein normaler Tag enthält mehr Informationen, als man denkt
Auch eine gewöhnliche Umgebung kann eine erstaunliche Menge an Informationen liefern.
Ein Büro besteht nicht nur aus Schreibtisch und Computer.
Da sind Stimmen, Schritte, Türen, Tastaturen, Telefone, Licht, Bewegung im Augenwinkel und Menschen, die vorbeikommen.
Menschen unterscheiden sich darin, wie stark solche Informationen in den Vordergrund treten und wie automatisch sie Unwichtiges ausblenden. Unterschiede in der sensorischen Reaktivität sind unter anderem im Autismuskontext untersucht worden. (3)
Was die eine Person nach wenigen Minuten kaum noch bemerkt, bleibt für eine andere dauerhaft Teil ihrer Wahrnehmung.
Dann besteht die Aufgabe nicht nur darin, eine E-Mail zu schreiben.
Gleichzeitig muss entschieden werden:
Was ist wichtig? Was kann ignoriert werden? Worauf muss ich gleich reagieren? Kann ich meinen Gedanken noch zu Ende führen?
Je weniger automatisch diese Auswahl funktioniert, desto mehr Aufmerksamkeit kann eine äußerlich banale Umgebung beanspruchen.
Dieselbe Umgebung kann für unterschiedliche Menschen sehr unterschiedliche Kosten haben.
Soziale Situationen bestehen aus mehreren Ebenen
Auch ein Gespräch besteht nicht nur aus Worten.
Während jemand spricht, werden gleichzeitig Tonfall, Gesichtsausdruck, Timing und Kontext verarbeitet.
Wann antworte ich? War das ernst oder ironisch? Wie ausführlich sollte meine Antwort sein? Wie wirkt meine eigene Reaktion?
Vieles davon läuft bei manchen Menschen weitgehend intuitiv ab. Für andere verlangt zumindest ein Teil davon bewusste Aufmerksamkeit.
Dazu kommt manchmal die bewusste Anpassung des eigenen Auftretens.
Vielleicht überlegt man stärker, wie direkt eine Aussage sein darf, ob eine Reaktion passend wirkt oder wie viel Begeisterung gerade angemessen ist.
Solche Formen bewusster Selbstbeobachtung werden in bestimmten Forschungsbereichen als Camouflaging oder Masking untersucht. Besonders gut erforscht sind sie bei autistischen Menschen; dort zeigen Studien Zusammenhänge zwischen Camouflaging und psychischer Belastung. Diese Forschung lässt sich nicht einfach auf alle Menschen übertragen. (4)
Der allgemeinere Gedanke bleibt trotzdem interessant:
Von außen sichtbares Funktionieren sagt wenig über den dafür notwendigen Aufwand aus.
Das Ergebnis kann gleich aussehen.
Die Kosten müssen es nicht sein.
Warum Klarheit manchmal mehr entlastet als Freizeit
Nicht nur die Menge an Arbeit kann anstrengend sein.
Auch Unsicherheit kostet Aufmerksamkeit.
Was genau wird erwartet? Wann findet etwas statt? Wie lange dauert es? Kann sich der Ablauf spontan ändern?
Manche Menschen können solche offenen Fragen leicht im Hintergrund lassen.
Andere gehen automatisch mögliche Abläufe durch und bereiten sich auf verschiedene Varianten vor.
Deshalb können klare Strukturen überraschend entlastend sein.
Ein Termin um 14 Uhr mit bekanntem Ablauf kann weniger Energie beanspruchen als ein freier Nachmittag, an dem jederzeit noch etwas passieren könnte.
Struktur muss dabei nicht Starrheit bedeuten.
Sie kann schlicht heißen, weniger Informationen gleichzeitig offenhalten zu müssen.
Warum man Überlastung manchmal erst später bemerkt
Das Merkwürdige an Erschöpfung ist, dass sie nicht immer während der Belastung am deutlichsten ist.
Man funktioniert.
Arbeitet.
Organisiert.
Redet mit Menschen.
Erst zu Hause fällt die Spannung ab.
Plötzlich ist selbst die Frage, was man essen möchte, zu viel.
Vielleicht ist die Erschöpfung nicht plötzlich entstanden. Sie wurde nur erst sichtbar, als die äußeren Anforderungen verschwanden.
Manche nehmen Hunger, Anspannung oder sinkende Konzentration früh wahr. Andere bemerken ihre Grenzen erst, wenn sie bereits deutlich überschritten sind.
Beim Thema Wahrnehmung innerer Körpersignale – der sogenannten Interozeption – zeigt die Forschung im Autismuskontext ein komplexes und keineswegs einheitliches Bild. (5)
Für den Alltag genügt deshalb eine einfachere Erkenntnis:
Eine Pause muss nicht erst dann berechtigt sein, wenn nichts mehr geht.
Erholung kann vorbeugend stattfinden.
Was du eine Woche lang beobachten kannst
Wenn medizinische Ursachen ausgeschlossen oder parallel abgeklärt werden, kannst du deinen Alltag eine Woche lang aus einer anderen Perspektive beobachten.
Kein kompliziertes Tracking.
Notiere einmal täglich:
Welche Situationen haben besonders viel Energie gekostet?
Wie viele Unterbrechungen oder Kontextwechsel gab es?
Wie viele Eindrücke waren gleichzeitig vorhanden?
Wie viel bewusste Aufmerksamkeit haben soziale Situationen verlangt?
Gab es spontane Änderungen oder unklare Erwartungen?
Hattest du zwischen belastenden Situationen echte Übergangszeiten?
Was hat tatsächlich Energie zurückgegeben?
Eine einfache Skala von 1 bis 5 reicht.
Die Zahlen sind keine Wissenschaft. Sie sollen Muster sichtbar machen.
Vielleicht stellst du fest, dass vier Stunden konzentrierte Arbeit weniger anstrengend sind als zwei Stunden voller Unterbrechungen.
Oder dass ein Treffen mit guten Freunden schön sein kann und du danach trotzdem Ruhe brauchst.
Beides kann gleichzeitig stimmen.
Erst Belastung reduzieren, dann Erholung optimieren
Wenn wir erschöpft sind, versuchen wir häufig zuerst, unsere Regeneration zu verbessern.
Mehr Schlaftracking. Meditation. Supplements. Atemübungen. Wellness.
Nichts davon muss falsch sein.
Manchmal versuchen wir damit jedoch, ein überladenes System effizienter zu reparieren.
Dann könnte die bessere Frage lauten:
Was könnte weniger werden?
Vielleicht ein unnötiger Termin.
Weniger Benachrichtigungen.
Ein Block ungestörter Arbeit.
Zehn Minuten zwischen zwei Meetings.
Eine klarere Absprache.
Eine ruhigere Umgebung.
Oder ein Abend ohne weiteren Programmpunkt.
Eine gute Lösung muss nicht das ganze Leben verändern.
Manchmal reicht es, einige kleine Kosten zu erkennen, die bisher kaum sichtbar waren.
Was ich daraus mitnehme
Früher hätte ich stärker darauf geschaut, wie viel ich an einem Tag geschafft habe.
Heute interessiert mich zunehmend, wie dieser Tag aufgebaut war.
Ich kenne das aus meinem Entwicklungsalltag.
Man kommt morgens zur Labortür herein und wird mit den ersten Fragen konfrontiert, bevor der Laptop überhaupt hochgefahren ist. Während man die E-Mails durchgeht, kommen zwei Anrufe. Danach beginnt ein Meeting – und noch währenddessen braucht jemand aus dem Labor dringend eine Entscheidung.
Drei Muster müssen unbedingt verkostet und abgeschmeckt werden. In der Qualitätskontrolle wartet noch etwas auf die Freigabe.
Nach der Mittagspause wird es ruhiger. Endlich bleibt Zeit für offene E-Mails und Büroarbeit. Dann kommt eine Frage über Teams. Auf WhatsApp hat ebenfalls jemand geschrieben. Kurz vor dem Heimgehen klingelt noch einmal das Telefon.
Nichts davon ist für sich genommen außergewöhnlich.
Es ist ein völlig normaler Arbeitstag.
Aber genau das macht den Unterschied so leicht unsichtbar: Nicht unbedingt die Menge der Arbeit ist das Problem, sondern die vielen kleinen Wechsel zwischen Gesprächen, Entscheidungen, sensorischen Eindrücken und Aufgaben.
Zwei Tage mit acht Stunden Arbeit können sich deshalb vollkommen unterschiedlich anfühlen.
Für mich verändert das auch die Frage nach Erholung.
Vielleicht muss ich nicht immer zuerst überlegen, wie ich mich noch besser regeneriere.
Manchmal ist es sinnvoller zu verstehen, welche Art von Alltag ich eigentlich regenerieren muss.
Fazit
Ein Leben kann von außen gut funktionieren und innen trotzdem viel kosten.
Erschöpfung beweist weder Undankbarkeit noch mangelnde Disziplin.
Sie ist zunächst Information.
Vielleicht geht es deshalb weniger darum, die eigene Belastbarkeit mit der anderer Menschen zu vergleichen.
Und mehr darum zu verstehen, welche Umgebungen Energie beanspruchen und welche Form von Struktur, Ruhe und Erholung tatsächlich hilft.
Die sinnvollere Frage lautet dann möglicherweise nicht:
„Wie schaffe ich noch mehr?“
Sondern:
„Welche Teile meines Tages kosten mehr Energie, als man ihnen von außen ansieht?“
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Quellen
(1) Österreichisches Gesundheitsportal: Erholung im Alltag & Urlaub.
Erholung im Alltag & Urlaub – Österreichisches Gesundheitsportal
(2) Monsell S. (2003): Task switching. Trends in Cognitive Sciences, 7(3), 134–140. DOI: 10.1016/S1364-6613(03)00028-7.
PubMed – Task switching
(3) Lane SJ, Leão MA, Spielmann V. (2022): Sleep, Sensory Integration/Processing, and Autism: A Scoping Review. Frontiers in Psychology, 13:877527. DOI: 10.3389/fpsyg.2022.877527.
Frontiers – Originalartikel
(4) Field SL, Williams MO, Jones CRG, Fox JRE. (2024): A meta-ethnography of autistic people’s experiences of social camouflaging and its relationship with mental health. Autism, 28(6), 1328–1343. DOI: 10.1177/13623613231223036.
PubMed – Social camouflaging and mental health
(5) Klein M, Witthöft M, Jungmann SM. (2025): Interoception in individuals with autism spectrum disorder: a systematic literature review and meta-analysis. Frontiers in Psychiatry, 16:1573263. DOI: 10.3389/fpsyt.2025.1573263.
Frontiers – Originalartikel
Weitere Hintergrundquellen
Carolin Wittmer (2026): Autistisch erschöpft. Praktische Alltagsstrategien für dein Leben in einer neurotypischen Welt – vom Überleben zum Gestalten. Bookmundo.
Bookmundo – Autistisch erschöpft
Steph Jones (2024): The Autistic Survival Guide to Therapy. Jessica Kingsley Publishers.
Jessica Kingsley Publishers – The Autistic Survival Guide to Therapy
Auticate with Chris & Debby: YouTube-Kanal.
YouTube – Auticate with Chris & Debby
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